Formen im Kenpo

(siehe auch "Formen Anwendung")

 

Die andauernde Debatte, ob Formen irgendeinen Wert in einer modernen Kampfkunst haben, ist heute genauso aktuell und munter, wie in den späten 60ern und den 70ern, als Ed Parker, Senior Grandmaster und Begründer des American Kenpo Karate, sein System des Modern Kenpo Karate erschuf und entwickelte, das heute in der ganzen Welt praktiziert wird.

Warum bezog diese logische, fortschrittliche und kreative Person (er war als Rebell in der Kampfkunst-Szene bekannt und später als der Vater des amerikanischen Karate bekannt) umfassende Formen in sein extrem raffiniertes und innovatives Kampf-System ein, wo doch der Trend innerhalb der modernen Stile in dieser Zeit eindeutig in Richtung Partner-Drills und Freestyle ging und nur sehr wenig oder gar kein Wert auf Formen und Katas gelegt wurde. Diese Frage wird noch interessanter, wenn man bedenkt, dass Prof. Chow, Ed Parkers Lehrer, ihn nie auch nur überhaupt irgendeine Form gelehrt hat.
Die Antwort auf diese Frage und eine Menge mehr, liegen in den Formen selbst. Sie sind das Produkt vieler Jahre, in denen Ed Parker die traditionellen Lehren hinterfragte und mit neuen, fortschrittlichen Theorien, Prinzipien und Konzepten experimentierte.
Er schuf Kenpo-Formen mit dem Sinn auf die Basis-Bewegungen, als brauchbare, vorab festgelegte Selbst-Verteidigungs-Kombinationen hinzuweisen. Diese sind Fallstudien der Bewegung, welche alle Prinzipien, Konzepte und Theorien enthalten, die in Ed Parkers Kenpo-Karate gelehrt wurden. Seine Verwendung von Geschichten und Analogien um das Wissen zu verstärken das er lehrte, ist legendär.

Einer der fundamentalsten Aussprüche, die er in seinen Seminaren und Gruppen verwendete war:

" Zu jeder Bewegung und Theorie, zu jedem Konzept und Prinzip gibt es ein Gegenteil und eine Umkehr. "

Wenn dieses auf das Studium der Kenpo-Formen angewandt wird, wird sehr schnell klar, dass es sich um ein Master-Key-Principle handelt. Um dieses Prinzip zu veranschaulichen:

Wenn man im Horse Stance steht und einen Right Straight Horizontal Thrust Punch
ausführt, was wäre das Gegenteil dieser Bewegung und was wäre die umgekehrte Bewegung.

Wenn ein Schüler die Bewegung für die Verwendung in der Selbstverteidigung studiert, um mit minimalem Aufwand den Effekt zu maximieren (im Kenpo nennt man dieses Prinzip Economy of Motion), so muß er die Bewegung vollständig verstehen und auch die Gegenstücke der entgegengesetzten und umgekehrten Bewegungen, denn auch sie haben ihren Wert und können verwendet werden. Deswegen ist ein Left Straight Punch das Gegenteil eines Right Straight Punch, während ein Right Back Elbow die Umkehr der Anwendung ist.

Die Kenpo-Formen enthalten das Alphabet of Motion, während die Kenpo-Selbstverteidigungs- und Freistil Techniken der Language of Motion entsprechen, welche von den Formen und Sets bestimmt wird (Sets werden im Kenpo genauso wie Formen verwendet, sie sind sequentielle Übungen die ein spezielles Gebiet isolieren, wie Koordination, Schläge, Tritte, Stände, Blöcke und die Verwendung der Finger zum Stechen und Kratzen usw.)
Während viele Stile in ihren Katas und Formen tiefe, starke Stellungen für Kraft und Stabilität verwenden, um dann im Kampf höhere, bewegliche Stände zu nutzen, werden im Kenpo für Formen, Grundlagen, Selbstverteidigung und Kampf die gleichen Stände verwendet.
Der Schlüssel zu den Kenpo-Ständen und der Fußarbeit liegt in einem anderen Master Key Princip, welches als Tailoring bezeichnet wird. Es wäre nicht sehr praktikabel für ein Schuhgeschäft, nur eine Größe vorrätig zu haben, da es selbstverständlich Füße in verschiedenen Größen und Formen gibt.
Tailoring (Zuschnitt) bedeutet, dass im Kenpo der Einzelne nicht dazu gemacht ist, sich an das System anzupassen, sondern das System passt sich an den Einzelnen an. Dies wird sehr schnell deutlich, wenn man zwei unterschiedlich große Schüler die gleich Form üben oder ausführen sieht.

 

American Kenpo basiert auf raffinierter Einfachheit. Es formt den Fortschritt in einer
logischen und systematischen Reihenfolge, durch die Verwendung von einfachen
Sequenzen der Bewegung und des Rhythmus`, welche als Dictionary Forms betrachtet
werden ( Short Form I, Long Form I, Short Form II und Long Form II) bis zu Sequenzen
und Rhythmen der Bewegung (welche als Encyclopedia Forms bezeichnet werden,
Forms 3, 4, 5, 6, 7 und 8) welche für das untrainierte Auge sehr kompliziert aussehen,
aber in Wirklichkeit raffiniert einfach sind.

Die Training Sets, es sind insgesamt 17, werden als Anhänge der Bewegung betrachtet. Die Formen Short und Long I, sowie Short und Long II bilden die Basis-Formen des Systems, während die Formen Short und Long III eine Zwischenstufe darstellen. Die Formen 4, 5, 6, 7 und 8 sind fortgeschritten und enthalten hochspezialisierte Sequenzen der Bewegung und des Rhythmus` und die Prinzipien, Konzepte und Theorien des Modern Kenpo. Die Formen werden immer anspruchsvoller, jede setzt dort an wo die vorherige endete, baut auf die Bewegungen und Prinzipien der Bewegung die in der letzten Form enthalten waren auf, bis sich schließlich buchstäblich das Alphabet of Motion entwickelt.

Um dieses Konzept kurz zu veranschaulichen:

Short Form I lehrt, vor dem Angriff zurückzuweichen, um Distanz und Zeit zu gewinnen, und ihm mit einem der vier Grund-Blöcke (Inward, Outward, Upward und Downward) zu begegnen.
In der nächsten Form, Long Form I, lernt der Schüler auf die in der Short Form I enthaltenen Ideen aufzubauen, durch hinzufügen eines Konter-Fauststoßes mit der hinteren Hand (Reverse Punch), kombiniert mit einem Stellungswechsel von Neutral Bow zu Forward Bow. Dies zeigt auch wie man durch die Dimensonal Zone of Width Kraft erzeugen kann.
Short Form II nutzt die Blöcke und Schläge der Long Form I, führt aber weiter in die Idee des "MIT" anstatt des "UND" ein. Long Form I lehrt Block "UND" Schlag, während Short Form II Block "MIT" Schlag lehrt. Die Umkehr des Schrittes zurück ist ein Schritt vorwärts. Es wäre sehr schädlich immer nur den Schritt weg vom Angriff zu trainieren, wenn man eines Tages vielleicht den Schritt vorwärts benötigt.
Kenpoisten wird gelehrt, dass die eine Sache, die man abwehren muss bevor man sich um den Gegner kümmert, die Umwelt ist. Die Umwelt beinhaltet alles um einen herum, bei einem oder in einem. Wenn man nur trainiert, sich mit hohen Tritten zu verteidigen, was würde man machen bei einer Konfrontation in einer Telefonzelle, im knietiefen Wasser oder auf vereistem Untergrund? Wenn man nur den Schritt weg vom Angriff trainiert, wie soll man mit einem angriff von vorn` umgehen, wenn hinter einem eine Mauer oder ein Abgrund ist?
Selbstverständlich wäre die einzige mögliche Vorgehensweise, die verhindert dass man in horizontaler Lage auf dem Fußboden meditiert, der Schritt hinein in den Angriff und dann effektiv damit umgehen. Short Form II führt ein in die Idee des Schrittes vorwärts, hinein in das Auge des Sturms.
Diese simplen Ideen und noch eine Menge mehr, sie alle sind im System des Kenpo und in seinen Formen enthalten.

Die Dictionary-Formen entwickeln in erster Linie Macht, Stärke und das grundlegende Timing, während die Encyclopedia-Formen raffiniertes Timing, Koordination, Kontinuität der Bewegung, Fluss und Geschwindigkeit entwickeln. So wie die primären Elemente der Kenpo-Selbstverteidigungs-Techniken in den Formen enthalten sind, so ist das Lernen der Formen die grundlegende Stufe zum erlernen der Selbstverteidigungs-Techniken.

Ein anderer von Ed Parkers Aussprüchen war:

"Bewegung ohne Sinn dient keinem Zweck."

Formen oder Katas zu üben, ohne die Anwendung dazu zu kennen, ist wie zu lernen, wie man eine Fremdsprache spricht, ohne zu wissen was man gerade sagt.
Wenn im Kenpo einem Schüler eine Form gelehrt wird, dann unterrichtet man auch gleich die Anwendungen zu den Bewegungen die er lernt. Er wird dazu angehalten mit einem Partner zu trainieren und weitere Anwendungen für die in den Formen enthaltenen Bewegungen zu finden. Das Wissen darum, was jede Technik für den Schüler bedeutet, versetzt ihn in die Lage, Timing und Fokus zum richtigen Zeitpunkt in der Form zu setzen.
In jeder Form sind Bewegungen versteckt, welche von Natur aus simpel sind, aber sie sind dazu geschaffen zu blenden, zu entmannen, zu verstümmeln, zu brechen, zu reißen, auszurenken, zu fegen, zu werfen, zu verbiegen, zu schlagen, zu hebeln, zu würgen, zu blocken, zu parieren, zu entziehen usw.
Oft sind die für die Wirksamkeit notwendigen, korrekten Bewegungen und Winkel verschleiert oder versteckt (wie bei einer Boden-Technik die im Stehen geübt wird, aber nur im Liegen effektiv ist) für den Schüler und er muss nachhaken und die wahre Anwendung entdecken.
Üblicherweise wird ohne Partner geübt, Kenpo-Formen und Sets sind wie traditionelle Katas und Sets sind Methoden des Schattenboxens um zu Hause zu üben. Der Kenpoist visualisiert ein Universal Pattern oder verschiedene Figuren auf dem Boden und imaginäre Gegner greifen von den acht Angriffswinkeln einzeln oder gleichzeitig an.
Das ultimative Ziel des Kenpoisten ist es die Kreise zu verlängern und die Ecken ihrer Bewegungen abzurunden. Höchster Nutzen ist aus linearen und kreisförmigen, harten und weichen Bewegungen gemacht, all dieses ist vermischt in den Formen.

Die Formen und Sets bilden nur ein Viertel des Systems von Ed Parker, die anderen sind die Selbstverteidigungstechniken, die Basics und Freestyle. Dies ist ein reiches Vermächtnis, ein Lagerhaus des Wissens, uns überlassen von einem Genie Namens Ed Parker und sie enthalten alle Master Keys um die raffinierte Einfachheit des Kenpo-Karate zu entschlüsseln.

(Autor unbekannt)

 

 

 

 

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