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Geschlechtsspezifische
Pädagogik:
Jungs
wollen Männer sein, Helden, stark, mächtig, unbesiegbar. Aber wie kann man das
werden in einer Gesellschaft und Kultur, in der derartige Vorbilder nur im Film
existieren und die wirklichen Männer sich an der Erziehung und Sozialisation
ihrer Jungs (und Mädchen natürlich auch) nicht hinreichend beteiligen, also
als Modell überwiegend fehlen ? Im Kino sind die Helden super-männlich,
Turbo-Machos, (pseudo-)gerechte Rächer, die sich durch alles und über jeden
Gegner hinwegkämpfen, gnadenlos, cool, effektiv. Kaum ein Junge, der seine Männlichkeit
nicht beweisen, sich von den „heulsusigen“ Mädchen durch gegenteiliges
Verhalten und ein ihres Erachtens den „Manns-Bildern“ damit entsprechendes
Gebaren abgrenzen will. Sie übertreiben es, reagieren über, schießen übers
Ziel hinaus, sind um so härter und cooler, brutaler und gefühlloser, je mehr
sie ihre sich von den verweichlichten Mädchen unterscheidende Andersartigkeit
und auch die schlappschwänzigen Muttersöhnchen belehrende Männlichkeit
demonstrieren müssen.
Männer
sind für Jungs also immer die, die sich nicht unterkriegen lassen und
unerschrocken das Böse der Welt – sprich: ihre Feinde – erfolgreich bekämpfen.
Gewalt wird zum Synonym der Stärke,
des Erfolges, der Überlegenheit. Je brutaler, je besser. (Nur) Sieger werden
bewundert, verehrt, zum Idol stilisiert. Kämpfer wollen sie sein, die harten
Jungs, denn nur wer fit ist, gewinnt und überlebt. Friedfertigkeit ist demnach
nichts als Schwäche und die lächerliche Feigheit derer, die eh nichts können
und keinen Mumm haben, also was für Mädchen und Jüngelchen, die Softies, eben
genau solche, mit denen man nichts gemeinsam und zu tun haben möchte.
Wie
schuldlos die Jungs selber daran auch sein mögen, daß ihnen in unserer
familienbrüchigen, Vater-losen Risikogesellschaft keine gelungene Männersozialisation
vorgelebt wird – weil es entweder kaum gleichsam friedvolle und trotzdem
selbstbewußt männliche Vorbilder gibt (?) oder die wenigen, die es geben mag,
ohne persönliches Gewicht, Bedeutung und genügend Einfluß im
Erziehungsgeschehen sind – so sehr ist diese Situation einer der
Ausgangspunkte für zunehmende Gewaltbereitschaft und Aggressivität von
Jugendlichen, den hyper-männlichen Jungs.
Solange
primärpräventiv sich durch Änderung unserer fraglichen Männer- und
Frauenrollen oder endlich die gelungene (!) „Ver-Männlichung“ unser
Erziehungs- und Sozialisationskultur derartige Fehlentwicklungen nicht im
Vorwege schon verringern bzw. verhindern lassen, solange muß, sekundärpräventiv,
den fehlgeleiteten Jungs das Unrealistische wie Irrationale ihrer aggressiven
Einstellungen und die Schädlichkeit ihres kompensatorischen Gewaltverhaltens
klargemacht und echte Alternativen angeboten
werden. Die sog. tertiärpräventive
(rehabilitative, therapeutische) Behandlung der in hochgeschraubten und
verfestigten Gewaltkarrieren bisher unbelehrten und deshalb schließlich auch
inhaftierten Schläger hat die Aufgabe, das zu Gewaltstraftaten führende Mißverständnis
echter Männlichkeit als Selbstbetrug konfrontativ-kritsich zu entlarven. Viel
zu spät allerdings greift hier die (Um-)Erziehung
und (Re-)Sozialisierung altersmäßig und in ihrer Biographie weit
fortgeschrittener junger Männer das Thema von >Gewalt als Stärke –
Friedfertigkeit als Schwäche< korrigierend auf.
Was
gibt es für alternative Vorbilder, die das legitime (biologisch begründbare
und pädagogisch zu transformierende) Bedürfnis von Jungen nach Action,
Abenteuer, Risiko und Wagnis, des Sichbeweisens, Kämpfens und Siegens
ernstnehmen, aufgreifen und vor allem positiv, sozialverträglich besetzen ? Wie
können die Sozialisationsdefizite – geprägt und verursacht auch durch
Erlebnisverarmung (Spielverbotsplätze, Ghettoisierung, fehlende
Initiationsriten usw.) auf der einen und Reizüberflutung (Spielhöllen, Video-
und Handy-Exzess usw.) auf der anderen Seite – so vermieden werden, daß die
Erziehungsangebote zum „gelungene(re)n Mann“ für Jungs ebenso attraktiv und
bedeutsam wie hinsichtlich geschlechtsspezifischer
Persönlichkeitsförderung wünschenswert sind ? Wer kann glaubwürdig
und vor allem von den Jungs anerkannt Modell stehen für Gewaltverzicht aus der
Position des Könnens, der Stärke heraus ?
Koedukative
Angebote oder Männerrollen erweiterende („verweichlichernde“)
Kochkurse speziell für Jungen feierten eine Zeit lang (ebenso wie die
antiautoritäre Erziehung) vergeblich Hochkonjunktur im Bereich sozialpädagogischer
Emanzipationsarbeit, weil die Mischung der Geschlechter oder der Versuch der
Grenzaufhebung allein nicht ausreichen konnte, Jungen-Gewalt abzubauen oder sich
sogar als kontraproduktiv erwies. Jungs und Männer sind eben anders als Mädchen
und Frauen und wollen und brauchen entsprechend auch Unterschiedliches. Hieran
haben nur biologiefeindliche Romantiker Zweifel, deren liberalistische
Grundhaltung der Gleichmacherei pädagogisch aber nicht weiterbringt.
Nein:
Jungs dürfen nicht nur, sie müssen Kämpfen lernen ! Das Kämpfen als solches
ist ja nicht per se etwas Schlechtes, sondern nur die amoralische Art und Weise,
der Umgang mit Sieg und Niederlage, mit eigener Überlegenheit und den eigenen
Fehlern, die (herabsetzende) Behandlung der Schwächeren und (Idealisierung) der
Stärkeren. Es ist die Frage der Ethik, die einen Söldner vom Krieger
unterscheidet. Der Krieger ist ein kämpferisch gut ausgebildeter Ritter mit
hoher Moral und strengem Ehrenkodex. Seine Tugenden sind neben Mut und
Aufrichtigkeit die der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und: Mitgefühl. Solch ein
ritterlicher Krieger kann Kämpfen, und weil er es kann, läßt er sich niemals
leiten von Wut oder Hass (sie behindern gutes Kämpfen) und Schwächere sind
niemals seine Gegner. Es gibt also vorbildliche Männer, die keine
„Weicheier“, sondern stark, mutig, fit, mächtig und eben gerade nicht
streit- und kampfsüchtig sind. Sie sind beherzt und besonnen und dadurch jedem
streitsüchtigen Gernegroß, der auf jede Provokation hereinfällt und meint,
sich offensiv „verteidigen“ zu müssen, überlegen.
In
der sozialpädagogischen Jungenarbeit werden aus diesem guten Grund ja auch
zunehmend Rauf- und Kampfspiele eingesetzt, um Männlichkeit und Fairness in
regelgeleiteten Situationen gleichermaßen zu vermitteln. Sogar Boxen wird
zuweilen angeboten, welches aufgrund der notwendigerweise feindseligen und auf
die Verletzung des anderen (K.O.) abzielenden Einstellung gegenüber dem
Kontrahenten eindeutig anti-soziale Haltungen kultiviert werden und deshalb ganz
ausdrücklich als völlig ungeeignetes Instrument der Friedfertigkeitserziehung
abgelehnt wird. Ein Boxer ist eben kein Krieger, kein tugendhafter Ritter,
sondern allenfalls ein nach eigenen Regeln kämpfender Fighter, ein „Schläger“...
In
der Arbeit mit gewaltbereiten und aggressiven
Kindern sowie jugendlichen und heranwachsenden jungen Männern wurden in
den letzten Jahren Kampfkunst-Projekte als Anti-Aggressivitäts-Kurse
ausgesprochen erfolgreich eingesetzt. Für deren besondere Effektivität
hinsichtlich des gezielten Abbaus gewaltbereiter und Aufbaus prozialer
Einstellungen und Verhaltensweisen sind die budotypischen Lernprinzipien des
„Sozialen Lernens“, „Lernens am Modell“ und „Lernen am Erfolg“
verantwortlich, wonach im Budo - getreu dem Motto „Siegen durch Nachgeben“ -
niemals offensiv-aggressive, sondern nur nicht-aggressive, defensiv-friedliche
Übungen zum „Erfolg“ führen können. Im Budo ver-lernt man durch
systematisch initiierte Lernprozesse nämlich „am eigenen Leib“, daß Gewalt
etwa erfolgreich sei und er-lernt umgekehrt, daß nur der friedlichere und
gelassenere der souveräne, bessere Kämpfer ist.
Wer sich selbst beherrscht, beherrscht den Kampf -
wer andere beherrschen will, verliert seine Selbstbeherrschung und den
Sieg. Genau dieses zu lernen ist für gewaltbereite oder gewalttätige Jungs und
junge Männer das wichtigste, denn sie gehen ja von anderen Erfahrungen und
Vorstellungen aus.
Die
besondere Attraktivität oder gar Exklusivität des (ja mit Männlichkeit und
Kampf assoziierten) Lernfeldes „Budo“ verspricht, auch die ansonsten nur
schwer zu erreichenden Jugendlichen in erzieherische Angebote bzw. Programme zu
bekommen und zur Mitarbeit zu motivieren – erst recht besagte Macho-Jungs.
Budo garantiert in seiner Körperorientierung Aktivität und Abenteuerlust,
entspricht dem Bedürfnis nach und der Freude an Wagnis und Risiko, Erprobung,
Bewährung und Meisterung, ermöglicht die Arbeit an und mit den männlichen
Ressourcen und Qualitäten wie Fitness, Kraft und Ausdauer auf der einen sowie
die notwendige Auseinandersetzung mit zentralen jugend- (und jungen-)gemäßen
Fragen von „gut und böse“, Sieg und Niederlage, Erfolg, Selbstwert und
Status auf der anderen Seite.
Wolters, J.M.: Kampfkunst als Therapie – Die sozialpädagogische Relevanz asiatischer Kampfsportarten, aufgezeigt am Karatedo zum Abbau der Aggressivität und Gewaltbereitschaft bei inhaftierten Jugendlichen; Frankfurt u.a., 4.Auflage 2000